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Tagundnachtgleiche: Warum der Tag noch länger als zwölf Stunden ist

Am 23. September beginnt der astronomische Herbst. Trotzdem liegen in Deutschland zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang mehr als zwölf Stunden. Das liegt an der Sonnenscheibe und an unserer Atmosphäre.

Illustrative orange Sonnenscheibe hinter einer geraden dunkelblauen Horizontkante: Der obere Rand bleibt sichtbar, während der Mittelpunkt bereits unter der Kante liegt.
Schematische Illustration, nicht maßstabgetreu: Für Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zählt der obere Sonnenrand, nicht der Mittelpunkt der Scheibe. KI-generiertes Bild

Wer heute die Sonnenzeiten für seinen Wohnort öffnet, kann sich über einen scheinbaren Widerspruch wundern: Es ist Tagundnachtgleiche, doch zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang liegen mehr als zwölf Stunden. Die Tabelle ist deshalb nicht falsch. Der Name beschreibt eine astronomische Konstellation, aber nicht exakt die Zeitspanne, in der die Sonne von einem bestimmten Ort aus sichtbar sein kann.

Am 23. September 2026 beginnt auf der Nordhalbkugel der astronomische Herbst. Der Deutsche Wetterdienst nennt in seiner Einordnung vom 21. September dafür 02:05 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit. Für Deutschland liegt dieser Zeitpunkt also in der Nacht. Es ist kein Sonnenaufgang und kein Augenblick, in dem überall auf der Erde zugleich Tag oder Nacht wird. Wer die kürzer werdenden Abende plant, braucht weiterhin die Sonnenzeiten am eigenen Ort.

Was an der Tagundnachtgleiche tatsächlich gleich ist

Beim Äquinoktium überquert der Mittelpunkt der Sonnenscheibe auf seiner scheinbaren jährlichen Bahn den Himmelsäquator. Die Sonne steht dann über dem Erdäquator im Zenit. Im September markiert dieser Moment den Herbstbeginn im Norden und den Frühlingsbeginn im Süden. Die Jahreszeiten wechseln nicht deshalb, weil die Erde nun besonders weit von der Sonne entfernt wäre, sondern wegen der Neigung der Erdachse gegenüber ihrer Umlaufbahn.

In einem vereinfachten geometrischen Modell mit einer punktförmigen Sonne und ohne Atmosphäre passen zwölf Stunden oberhalb und zwölf Stunden unterhalb des Horizonts zur Idee der Tagundnachtgleiche. Die Sonne, die wir sehen, ist aber kein Punkt. Außerdem blicken wir durch Luft. Genau diese beiden Unterschiede erklären, weshalb der lichte Tag in unseren Breiten beim Herbstanfang noch länger ist als die Nacht.

Nicht der Mittelpunkt entscheidet, sondern der Rand

Als Sonnenaufgang gilt der Moment, in dem der obere Rand der Sonnenscheibe am Horizont erscheint. Beim Sonnenuntergang zählt entsprechend der Moment, in dem dieser obere Rand verschwindet. Der Beginn und das Ende des Tages werden also nicht am Mittelpunkt der Scheibe festgemacht. Morgens ist bereits ein Stück Sonne zu sehen, während ihr Mittelpunkt noch unter dem Horizont steht; abends bleibt ein Stück sichtbar, nachdem der Mittelpunkt ihn unterschritten hat.

Das U.S. Naval Observatory erläutert diese Definition ausdrücklich als Zeitpunkte des ersten und letzten direkten Sonnenlichts. Der zusätzliche Zeitraum ist damit keine Besonderheit eines Kalenderanbieters und kein Fehler der Uhr. Er ergibt sich schon daraus, welches sichtbare Merkmal für Aufgang und Untergang verwendet wird. Eine andere Messdefinition würde zu einem anderen Ergebnis führen.

Die Luft verschiebt den sichtbaren Sonnenstand

Hinzu kommt die atmosphärische Refraktion, also die Brechung des Lichts in der Erdatmosphäre. Nahe dem Horizont erscheint die Sonne dadurch höher, als sie in einem gedachten Blick ohne Atmosphäre stehen würde. Morgens wird ihr oberer Rand früher sichtbar, abends verschwindet er später. Die Wirkung der ausgedehnten Sonnenscheibe und die Lichtbrechung verlängern den lichten Tag gemeinsam.

Sonnenzeitentabellen rechnen dafür mit festgelegten durchschnittlichen Bedingungen. Die tatsächliche Lichtbrechung hängt jedoch von den atmosphärischen Verhältnissen ab. Das Naval Observatory weist deshalb darauf hin, dass berechnete Auf- und Untergangszeiten selbst bei freiem Horizont keine sekundengenaue Zusage für jede Beobachtung sind. Berge, Gebäude und die Höhe des Beobachtungsorts können die sichtbaren Zeitpunkte zusätzlich verändern.

Wann sind Tag und Nacht dann ungefähr gleich lang?

Der passende Tag liegt auf der Nordhalbkugel im Herbst erst nach dem Äquinoktium. Für diese annähernde Gleichheit wird auch der Begriff Equilux verwendet. Das Datum hängt von der geografischen Breite ab. Es gibt deshalb keinen einzigen weltweit gültigen Kalendertag, an dem für alle Orte genau zwölf Stunden zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang liegen.

Der DWD nennt in seiner grundlegenden Erklärung für den 50. Breitengrad, ungefähr die Breite von Frankfurt am Main, den Zeitraum um den 25. September. Das ist eine Orientierung aus dem Erklärstück von 2023, keine neu berechnete Minutentabelle für jeden deutschen Ort im Jahr 2026. Wer es für dieses Jahr genauer wissen möchte, sollte in einer lokalen Tabelle die Zeitspanne zwischen Aufgang und Untergang an den aufeinanderfolgenden Tagen vergleichen.

Dämmerung ist nicht dasselbe wie Tageslänge

Auch nach Sonnenuntergang wird es nicht schlagartig dunkel. In der Dämmerung streut die obere Atmosphäre noch Sonnenlicht. Astronomische Tabellen unterscheiden deshalb den Sonnenuntergang von den verschiedenen Dämmerungsgrenzen. Wie hell es vor Ort tatsächlich wirkt, hängt zudem von Wolken und den örtlichen Sichtverhältnissen ab. Der Eintrag „Sonnenuntergang“ ist weder eine Garantie für völlige Dunkelheit noch eine Zusage für ausreichend Licht für jede Tätigkeit.

Für den Alltag hilft es, drei Fragen auseinanderzuhalten: Wann beginnt die astronomische Jahreszeit? Wie lange steht die Sonne am eigenen Ort über dem Horizont? Und wie lange ist es dort noch hell genug für das, was man vorhat? Nur die erste beantwortet das Äquinoktium. Für die zweite braucht es lokale Sonnenzeiten, für die dritte zusätzlich Wetter, Umgebung und eine zur Tätigkeit passende Einschätzung.

Dass der meteorologische Herbst schon am 1. September begonnen hat, ist wiederum kein Gegenargument. Wetterstatistiken verwenden ganze Monate; der Herbst umfasst dort September, Oktober und November. Kalender, Sonnenlauf und Wetter beschreiben also unterschiedliche Dinge. Die zusätzlichen hellen Minuten an der Tagundnachtgleiche sind kein verspäteter Sommer, sondern eine Folge davon, wie Sonnenaufgang und Sonnenuntergang definiert und beobachtet werden.

Quellen

  1. Deutscher Wetterdienst: Ruhiger Start in den Herbst, 21. September 2026. Datum und Uhrzeit des astronomischen Herbstanfangs sowie meteorologische Monatsdefinition; abgerufen am 23. September 2026.
  2. Deutscher Wetterdienst: Tagundnachtgleiche läutet (kalendarischen) Herbstbeginn ein, 21. September 2023. Hintergrund zu Erdachsenneigung, Sonnenscheibe, Lichtbrechung und Equilux; nicht als aktuelle Wettervorhersage verwendet.
  3. U.S. Naval Observatory: Length of Day and Night at the Equinoxes. Definition des Sonnenrands und Abhängigkeit der gleichen Tages- und Nachtlänge vom Breitengrad; abgerufen am 23. September 2026.
  4. U.S. Naval Observatory: Rise, Set, and Twilight Definitions. Berechnungsannahmen, Grenzen der Genauigkeit, Horizont und Dämmerung; abgerufen am 23. September 2026.

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Katharina Richter, Senior Editor, Deutsche Ausgabe bei Sona News
Geschrieben von
Katharina Richter
Senior Editor, Deutsche Ausgabe

Katharina Richter ist Senior Editor der deutschen Ausgabe von Sona News und schreibt über Wirtschaft, Energie und Industrie.

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